Vladimir von Julia May Jonas

Julia May Jonas Vladimir

Klug, scharf und provokativ

Sie ist Ende fünfzig, Literaturprofessorin an einem kleinen College an der amerikanischen Ostküste und beliebt bei ihren Studierenden. Seit dreißig Jahren mit John verheiratet, der am selben College unterrichtet wie sie, war sie immer stolz darauf, eine offene Beziehung zu führen, intellektuell und finanziell unabhängig zu sein. Doch dann strengt eine Studentin, mit der John eine Affäre hatte, ein Verfahren gegen ihn an und auch die Welt der Ich-Erzählerin gerät aus den Fugen. Noch komplizierter wird es, als sie eine Obsession für Vladimir entwickelt, einen zwanzig Jahre jüngeren Kollegen ...

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Leserstimmen Das sagen andere LeserInnen

  • Von: Marina Büttner

    9 Stunden, 8 Minuten, 8 CDs. Ungekürzte Lesung. Wenn ich mich schwer aufs Lesen konzentrieren kann, klappt meistens das Hörbuchhören. Ausschlaggebend mich auf dieses Hörbuch einzulassen war tatsächlich, dass dieser Roman von der grandiosen Schauspielerin Martina Gedeck interpretiert wird. Von der Autorin Julia May Jonas hatte ich noch nie gehört. Die US-amerikanische Autorin, die Dramatikerin ist und in New York lebt, schrieb mit „Vladimir“ ihren ersten Roman. Es geht um eine namenlose Literaturprofessorin Ende 50, deren Ehemann John, ebenfalls Professor, an seiner Universität in Verruf gerät bezüglich seiner sexuellen Beziehungen mit seinen Studentinnen. Er wird während der Untersuchung der Geschehnisse von der Uni suspendiert. Sie selbst versucht sich zu verorten, sie weiß nicht genau, wie sie sich dazu verhalten soll. Da die beiden schon immer eine offene Beziehung führten, will sie John nicht verurteilen. Denn auch sie hatte mehrere Affären im Laufe ihrer Beziehung. Gleichzeitig kommen von außen Stimmen, die ihr raten, sich zu trennen, die ihr passives Verhalten dazu nicht akzeptieren wollen, wie etwa einige ihrer Studentinnen und auch ihre Tochter. Gerade hier und immer wieder geht es um das Thema Älter werden und darum, dass traurigerweise ältere Frauen oft gar nicht mehr gesehen werden und häufig von der gesellschaftlichen Bühne verschwinden. Im Fokus steht zeitweise auch die Tochter des Paars, Sidney. Sie ist Anwältin und ihre Freundin hat sich gerade von ihr getrennt hat. Sidney wohnt eine Zeit lang wieder zu Hause, meidet aber ihren Vater und wundert sich ihrer Mutter gegenüber, dass sie sich nicht von John trennen will. Auch am Campus spitzt sich die Lage einige Wochen vor der gerichtlichen Anhörung Johns zu. Kollegen führen ein Gespräch mit der Protagonistin, in dem sie ihr nahelegen, sie möge ihre Tätigkeit niederlegen. Sie sprechen für Studentinnen, die sich durch sie getriggert fühlen. „Mit Trumps Präsidentschaft war die Illusion einer Welt, die man ihnen vom Fahrersitz des Mini-Vans aus gepredigt hatte, die Illusion alles würde sich stetig verbessern, und der lange Bogen der Geschichte sich in Richtung Gerechtigkeit krümmen auf den Kopf gestellt oder so ähnlich. Ich schüttelte meine hochtrabenden Gedanken ab, ich verstand die jungen Leute nicht und hatte keine Ahnung von ihrer Lebenswirklichkeit. Dass ich sie mochte, rechnete ich mir selbst hoch an. Auf Dinnerpartys verteidigte ich sie: „Die Kids sind in Ordnung“. Ich mochte ihren Aktionismus, ihre strenge Moral, ihr Gebrüll.“ Außerdem geht es um die Begegnung mit Vladimir, dem attraktiven 40jährigen Junior-Professor ihres Fachbereichs. Beide haben Romane geschrieben und über diese Gemeinsamkeit kommen sie sich näher. Während die Heldin durch die kurzen Begegnungen, durch sein Buch und nicht zuletzt durch ihre Fantasien und Tagträume angeregt wird, endlich wieder zu schreiben, hat Vladimir mit seiner Arbeit, mit seiner labilen Frau und der kleinen Tochter zu tun. Nach langer Zeit findet sich ein Termin für ein längeres Gespräch – die Heldin hat mehr im Sinn – ausgerechnet genau an dem Tag, an dem auch die Anhörung zu den Vorwürfen gegen John stattfindet. Ab hier läuft manches aus dem Ruder und wirkt geradezu grotesk. Im Ferienhaus, in das sie Vlad einlädt, entwickeln sich die Geschehnisse nämlich ganz anders als geplant und führen zu einem Ende, dass dann doch etwas unglaubwürdig, zumindest aber übertrieben anmutet. Mir war die Sprache des Romans zeitweise zu pathetisch, manchmal bis ans Kitschige grenzend, gerade auch, wenn es um Sex geht. Hier passt die Freizügigkeit der Erzählweise nicht immer stimmig zum sprachlichen Gerüst. Glücklicherweise konnte Martina Gedeck das Manko durch ihre Stimme und glaubwürdige Interpretation dann wieder ausgleichen, zumal es auch um eine Frau ihres Alters geht, was sie womöglich auch bewegt hat, dem Roman ihre Stimme zu verleihen. Außerdem kommen mir dann manche Aussagen, wie die folgenden, schon merkwürdig vor, wenn sich das Buch um Feminismus und Gleichberechtigung dreht. Es geht sehr viel um Äußerlichkeiten: wie man als Frau auf einen Mann wirkt, was man alles tun muss, um einem Mann zu gefallen, wie man einen Mann anhimmelt. Das hört sich für mich, gerade wenn es ins Klischeehafte rutscht, schon eher wenig nach weiblichem Selbstbewusstsein oder Unabhängigkeit an … „Ich schenkte Vladimir doppelt so viel (Wein) ein wie mir, was er, weil er ein Mann war nicht bemerkte.“ oder „Der Kellner trat an unseren Tisch und erkundigte sich nach unseren Dessertwünschen. Vlad wollte einen Cappuccino. Aber auf die Gefahr hin zu dominant zu erscheinen bestellte ich die Rechnung.“ Gut gefallen hat mir der Bezug zur und die Gespräche über Literatur, im Text teilweise mit konkreten Autoren und Buchtiteln verknüpft und die Handlung, die auch die Verhältnisse und Gepflogenheiten an einer modernen amerikanischen Universität spiegeln, der Campus als Schauplatz. Und die Veränderungen, die sich im Laufe der Jahre etablieren. Wir erleben, wie die frühere Feministinnen-Generation der 60/70er Jahre der neuen jungen, vollkommen anders denkenden gegenübersteht. In diesem Zusammenhang denkt die Heldin auch über die Kunst, den Kunstbegriff nach: „Die Wahrheit lag außerhalb der moralischen Grenzen. Die Kunst wollte zu ihren eigenen Bedingungen angenommen oder abgelehnt werden. Die Kunst war nicht der Künstler. Waren das einfach nur Plattitüden, die ich unhinterfragt übernommen hatte? In letzter Zeit beschlichen mich immer öfter Zweifel. Sollten wir nur die Welt abbilden, in der wir leben wollten? Sollten wir gewissen Geschichten den Stempel „schädlich“ aufdrücken und das Publikum vor ihnen schützen? Trauten wir den Lesern nicht mehr zu, eine Geschichte zu lesen, ohne ihre Botschaft zu verinnerlichen?" Dass ich über 9 Stunden am Ball blieb bei diesem Hörbuch, spricht für seine Qualität.
  • Von: Kalliopeia

    Leute, ich habe Redebedarf. Habt ihr schon »Vladimir« von Julia May Jonas gelesen? Wenn ja, was sagt ihr dazu? Besonders zu dem Ende? Ich fand es ja mega spannend und habe es in den letzten paar Tagen inhaliert. Schon mal ein gutes Zeichen. Jedoch hätte ich irgendwie mit einem anderen Ende gerechnet, vielleicht auch gehofft. Aber jetzt frage ich mich, ist es so realistischer und damit vielleicht auch besser? Puh. Aber mal von vorne: Den Namen der Hauptprotagonistin, aus deren Perspektive der Roman geschrieben ist, kennen wir nicht. Sie ist 58 Jahre alt und Professorin an der Uni. Ihr Mann, John, ist ebenfalls Professor an der gleichen Uni. Die beiden haben eine Tochter, die bereits erwachsen und Anwältin ist. Sie führen seit jeher eine offene Ehe, wobei John hauptsächlich Affären mit seinen um die 20-jährigen Studentinnen hat. Sieben von ihnen haben sich nun zusammen geschlossen und eine eidesstattliche Erklärung abgegeben, die an eine Petition angehangen wurde, die Johns Entlassung fordert und woraufhin die Uni ein Verfahren gegen ihn eingeleitet hat. Die Hauptprotagonistin findet sich zwischen Mitleidsbekundungen, die sie bescheuert findet und später, da sie sich nicht von ihm scheiden lässt, Rücktrittsaufforderungen wieder. Sie selber erkennt Johns Schuld nicht an und ist der Meinung, die Frauen seien alt genug gewesen, sie haben die Entscheidung, mit John zu schlafen, eigens getroffen, früher war das auch kein Problem. Sie findet, die Frauen sprechen sich damit ihre Mündigkeit selbst ab. Dabei wird klar, dass sie auch ein Opfer des patriarchalen Systems ist. Sie erwähnt beiläufig, dass John sie einmal (nur dieses eine Mal) geschlagen hat. Sie erzählt von ihren ersten sexuellen Erfahrungen als 14-jährige mit dem 30-jährigen Kollegen ihrer Mutter. Etwas an das sie sich nur voller Scham zurückerinnert, Scham vor sich selbst. Dass ihr Unrecht widerfahren ist, kommt ihr dabei nicht in den Sinn. Zudem steckt sie in zwanghaften Gedanken über ihr Aussehen fest. Ihre größte Angst ist alt, bzw. ihrem Alter entsprechend, auszusehen. Diese Gedankengänge spitzen sich immer weiter zu, als sie Vladimir, den neuen Juniorprofessor an der Uni, kennenlernt und ihn als den vollkommenen Mann idealisiert. Sie verliert sich in Tagträumereien und Sexfantasien. Zwischen alldem ist sie aber unglaublich lustig und in anderen Situationen auch wieder super reflektiert und aufmerksam über den in der Gesellschaft herrschenden Sexismus. Meine Sympathie ihr gegenüber war sehr wechselhaft, doch abschließend finde ich es hauptsächlich beeindruckend, wie die Autorin es geschafft hat, einen so komplexen und echten Charakter zu zeichnen. Kleiner Spoiler: Wer hier auf ein Happy End bzw. Aufklärung hofft, wartet vergeblich. Es gibt lediglich ein End.
  • Von: die_buecherweltenbummlerin

    Vladimir Äußerlich wirkt sie stark, vielleicht schon kalt, als die 58-jährige Literaturdozentin weiterhin an der Uni arbeitet, welches eine Anhörung gegen ihren Mann wegen mehrfachen sexuellen Missbrauchs einleitet. Erst die Begegnung mit Vladimir, einem zwanzig Jahre jüngeren Kollegen, bringt ihre Welt ins Wanken. Heimlich hegt sie eine zunehmende Leidenschaft für den Autor, die sich zu einer Obsession entwickelt. Doch Vladimirs Welt wankt selbst zu sehr, um sich ihrer zu entziehen. "Vladimir" ist ein Buch, das mein Interesse aufgrund seines Covers in Verbindung mit dem Titel geweckt hat. Wer das Buch kennt, versteht, wie passend das Bild gewählt ist. Vladimir ist ein Traumbild. Eine erotische und sinnliche Vorstellung. Ein Trugbild, auf einen real existierenden Mann übertragen. Während die Geschichte aus der Perspektive der Autorin erzählt wird, schwankt der Leser immer wieder zwischen Sympathie, Empathie und Antipathie und bleibt am Ende zurück, ohne sich für eine Komponente entscheiden zu können. Besonders gefallen hat mir, dass die weibliche Figur eine ältere Frau ist, die von ihrer sexuellen Energie getragen wird, sich gleichzeitig aber auch mit Selbstzweifeln, gerade in Hinblick auf ihr Alter, konfrontiert sieht. Vladimir wirkt anfangs wie ein Requisit, das jedoch durch die Erkrankung seiner Frau und schließlich durch einen perfiden Plan der Protagonistin zu Leben erwacht. An dieser Stelle zeigt sich, dass Individuen nicht als Requisit taugen, da sie einen eigenen Willen haben. "Vladimir" ist ein sensibler Roman, der seine Leser vor der Herausforderung stellt, sich über Themen wie postnatale Depression, Polyamorie, Missbrauch, Körperkult, etc. ein Urteil zu bilden, immer im Kontext der handelnden Personen. Aber Vorsicht: Ihr könntet vor eurem eigenen Urteil zurückschrecken!
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