Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne von Saša Stanišić

Saša Stanišić Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne

Was wäre, wenn man nicht diese eine Entscheidung getroffen hätte, sondern jene andere? Was wäre, hätte man der Erwartung getrotzt?

Und dann ist da trotzdem die Furcht, feige gewesen zu sein, zu lange gezögert und etwas verpasst zu haben, ein besseres Ich, ein größeres Glück, die lustigeren Haustiere und Partner.

Saša Stanišić führt uns an Orte, an denen das auf einmal möglich ist: den schwierigeren Weg zu gehen, eine unübliche Wahl zu treffen oder die eine gute Lüge auszusprechen.

So wie die Reinigungskraft, die beschließt, mit einer Bürste aus Ziegenhaar in der Hand, endlich auch das Leben in die eigenen Hände zu nehmen. So wie der Justiziar, der bereit ist zu betrügen, um endlich gegen seinen achtjährigen Sohn im Memory zu gewinnen. Und so wie der deutsch-bosnische Schriftsteller, der zum ersten Mal nach Helgoland reist, nur um dort festzustellen, dass er schon einmal auf Helgoland gewesen ist.

Am besten wäre ja, man könnte ein Leben probeweise erfahren, bevor man es wirklich lebt.

Jetzt bestellen

€ 24.00 [D] inkl. MwSt. | € 24.70 [A] | CHF 33.50 * (* empf. VK-Preis)

Leserstimmen Das sagen andere LeserInnen

  • Von: Steffi

    Saša Stanišićs neuer Roman mit dem genialen Titel "Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne" besteht aus zwölf Erzählungen, die locker miteinander verbunden sind und sich einer zentralen Frage widmen: Was wäre, wenn man wichtige Entscheidungen anders getroffen hätte? Wie würde das eigene Leben dann heute aussehen? Wäre man glücklich? Stanišićs Erzählweise wird von mehreren Aspekten geprägt: Zum einen von seinem Talent, mit der deutschen Sprache zu jonglieren, ohne dass dies zulasten der Lesbarkeit und des Unterhaltungswerts geht. Es ist mir im Gegenteil stets eine wahre Freude, seine außergewöhnlichen Satzkonstrukte zu lesen. Die Geschichten sind oft mit einem Hauch von Melancholie angereichert, die jedoch durch den spielerischen und zuweilen ironischen Sprachstil aufgelockert wird. Zudem sind seine Texte von seinem feinen, trockenen Humor durchzogen und werden von liebenswerten Figuren und ihren inneren Konflikten bevölkert. Das zentrale Motiv dieser Kurzgeschichtensammlung, die Sehnsucht nach ungelebten Leben und die Frage, was man möglicherweise verpasst hat, beleuchtet Stanišić auf vielfältige Weise und regt so zum Nachdenken an. Sei es durch den frustrierten Vater, der stets gegen seinen achtjährigen Sohn im Memory verliert oder durch die einsame Rentnerin Gisela, die außer dem Besuch des Grabes ihres Mannes nur noch wenige Verpflichtungen hat oder die Migrantin, die einer egozentrischen Frau die Wohnung putzt und an ihre Kindheit zurück denkt. "Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne" überzeugt vor allem durch das sprachliche Geschick des Autors, durch seine Kompetenz, selbst kurzen Geschichten Tiefe und Bedeutung zu verleihen und seine Fähigkeit diese einzelnen Geschichten durch ein zentrales Thema gekonnt miteinander zu verbinden. Ganz große Leseempfehlung!
  • Von: Martina

    Als großer Fan von Saša Stanišić kann ich sein neues Buch nur jedem ans Herz legen. Was mich an Stanišićs Schreiben besonders fasziniert, ist seine Fähigkeit, gehaltvolle Themen mit einer Mischung aus Leichtigkeit, Humor und ernster Reflexion zu verbinden. Seine Figuren sind so authentisch und lebendig, dass man das Gefühl hat, sie persönlich zu kennen. Stanišićs Sprache ist elegant und kraftvoll, und er schafft es, die alltäglichen Kämpfe und Träume seiner Protagonisten in einer Weise darzustellen, die sowohl berührt als auch zum Nachdenken anregt. Saša Stanišićs „Möchte die Witwe angesprochen werden …“ ist ein meisterhaft komponierter Erzählband. Stanišić erweist sich einmal mehr als einfühlsamer Chronist unserer Zeit. Er entfaltet seine Geschichten wie ein kunstvolles Mosaik, das die großen Themen Herkunft, Identität und Zugehörigkeit in den Mittelpunkt rückt. Die erste Geschichte versetzt uns in den Sommer 1994, wo vier Freunde, die sich selbst als „Ausländerjungs in Deutschland“ bezeichnen, in den Weinbergen Heidelbergs träumen und philosophieren. Fatih, einer von ihnen, entwickelt die revolutionäre Idee eines „Proberaums fürs Leben“, in dem man zehn Minuten seiner Zukunft ausprobieren kann. Stanišić gelingt es, diese Mischung aus Science-Fiction und existenzieller Philosophie mit einer solchen Leichtigkeit und Tiefe zu erzählen, dass der Leser unweigerlich in den Bann gezogen wird. Stanišićs Stärke liegt darin, uns an das Gute im Menschen glauben zu lassen, ohne die Härten des Lebens zu verschweigen. Seine Protagonisten, zumeist Menschen mit Migrationshintergrund, entwerfen sich bessere Zukünfte, um die sie qua Herkunft oft betrogen werden. Mit scharfem Blick und viel Empathie schildert Stanišić ihre Kämpfe und Träume. Stanisic Erzählstil in den zwölf Geschichten ist spielerisch. Das Buch ist nicht nur eine Sammlung fiktiver Lebensmodelle, sondern auch eine Reflexion über den eigenen Weg des Autors zur Schriftstellerei. Stanišić verbindet Fakt und Fiktion, Realität und Fantasie auf kunstvolle Weise und schafft so ein literarisches Universum, das den Leser tief bewegt und zum Nachdenken anregt. Die Geschichten sind eng miteinander verwoben und reichen von der Insel Helgoland bis hin zu den unendlichen Möglichkeiten des Erzählens. Besonders die titelgebende Geschichte um eine Witwe, die nach dem Tod ihres Mannes wieder bereit für eine neue Liebe ist, zeigt Stanišićs Talent, tiefe menschliche Emotionen einzufangen. Die Geschichten, die von vier Migrantenjungs in Heidelberg ausgehen, erstrecken sich über verschiedene Lebenswirklichkeiten und bieten immer wieder neue Perspektiven Stanišić schreibt mit einer Mischung aus Witz und literarischer Courage, eine Erzählstruktur, die Vergangenheit und Zukunft, Fakt und Fiktion miteinander verwebt. Mit „Möchte die Witwe angesprochen werden …“ beweist Stanišić einmal mehr seine außergewöhnliche Fähigkeit, tiefgründige Themen mit Leichtigkeit und Humor zu verbinden. Seine Geschichten sind ein Spiegel unserer Gesellschaft, die uns zum Nachdenken und Träumen einladen. Stanišićs Sprache ist elegant und kraftvoll, seine Figuren sind lebendig und berührend. Er versteht es wie kaum ein anderer, das Menschliche in all seinen Facetten darzustellen und dabei stets authentisch und nahbar zu bleiben.
  • Von: Michael Kuhl

    Der Sommer gibt alles. Die Sonne knallt hinab auf die Stadt. Saša und seine Freund:innen haben sich auf die Hänge verzogen. Oben, in die Weinberge. Hier ist es kühler. Viel kühler als im Wohngebiet, wo kluge Planer vergessen hatten, Bäume mitzuplanen. Gesprächsthema sind die Familienurlaube. Klassisch nach Italien, sagt der eine. Ein anderer spricht von der Türkei, zu der er keinerlei Verbindung hat. Bis auf die sechs Wochen im Sommer, weil Vater es so wünscht. Sein Zuhause, ihr aller Zuhause, ist diese Stadt am Neckar. Und für Saša? Helgoland. Das gibt es? Noch nie von gehört. Saša schon, und Jahre später, wieder dieser Ort, dieser rote Felsen mitten in der Nordsee. Ein Déjà-vu, dieselbe Kneipe, dieselbe Frau. Nur Jahre später. Hier sei er noch nie gewesen, gibt Saša im Quasiverhör zu Protokoll, und dennoch ist seine Erinnerung lebhaft. In seiner Phantasie sieht er alles vor Augen. Das Meer und den Strand, wo Heinrich Heine schwamm. Wo er im Inselort von der Revolution erfuhr und seine Hoffnungen für das französische Volk zu Papier brachte. Urlaub hieß für Saša damals Freiheit von den Eltern und Lesen im Hochsitz. Und als er liest, Geschichten imaginiert, darin versinkt, hört er Rufe. Die Stimmen der Kumpels, die fragen, wo Saša bleibt. Wann er wiederkomme. Es sei doch Samstag und Frau Idzikowska brät ihren Braten für die Jungs zum Doppelkopf. „Zum Doppelkopf triffst du dich, weil du beim Doppelkopf nicht spürst, dass die Zeit existiert. Anders als auf der Arbeit oder nach dem Aufwachen oder beim Frisör. Beim Doppelkopf spürst du weder das harte Tuch, aus dem die Vergangenheit gewebt ist, noch hörst du die Sorgen aus der Zukunft deinen Namen rufen.“ (S. 126) Hätte Saša Stanišić mit ‚Herkunft‘ nicht kürzlich den Deutschen Buchpreis gewonnen, dieses Buch hat die Auszeichnung verdient. Sein aktueller Roman ‚Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne‘ ist inhaltlich, stilistisch und formal ein Phänomen deutschsprachiger Gegenwartsliteratur. Stanišić bleibt seinen bisherigen Arbeiten treu und stellt coming-of-age-like sein autofiktionales Ich inklusive Jungsclique in den Mittelpunkt. In jedem Kapitel thematisiert der Autor alltägliche Episoden und bindet sie im großen Handlungsrahmen mosaikartig zusammen. Sprachlich trägt jede Geschichte das individuelle Idiolekt seiner Protagonist:innen. Diese Stärke findet sich ebenfalls in der Form wieder. Auf 254 Seiten wechselt der Autor Erzählzeit, Format und Perspektive. Zugleich ist der Roman Produkt seiner Zeit und Stanišić deutlich in seinen Bezügen: Literatur als Zeitgenossenschaft. ‚Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grad die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne‘ ist ein Roman, der geschichtsbewusst und hoffnungsvoll in die Zukunft blickt. Stanišić ist ein Meisterstück gelungen, dass sich nicht in Genres fassen lässt. Ein Roman, der zuckersüß und mit jugendlich ehrlicher Neugier aufwartet, ohne in der Sommerhitze zu verglühen. Ein Roman als Blick in die Zauberkugel des Lebens.
Mehr laden