Bei Regen in einem Teich schwimmen von George Saunders

George Saunders Bei Regen in einem Teich schwimmen

Wie funktionieren gute Geschichten, wie schreibt man sie und was erzählen sie uns über unsere Welt: George Saunders führt den Leser durch sieben klassische Kurzgeschichten der russischen Meister Tschechow, Turgenjew, Tolstoi und Gogol, so wie er es zwanzig Jahre lang mit seinen Studenten im Creative-Writing-Programm machte. Und es ist unglaublich, wie unterhaltsam, witzig und erhellend Lernen bei George Saunders ist. Während er uns erklärt, wie Literatur funktioniert, fangen wir an, die Welt mit anderen Augen zu sehen, erkennen, dass gute Literatur moralische und ethische Vorstellungen beeinflussen, ja Leben verändern kann.

Die Geschichten sind in voller Länge abgedruckt: Anton Tschechow, Auf dem Wagen, Herzchen, Die Stachelbeeren; Iwan Turgenjew, Die Sänger; Leo Tolstoi, Herr und Knecht, Aljoscha der Topf; Nikolai Gogol, Die Nase.

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Leserstimmen Das sagen andere LeserInnen

  • Von: Sabine Ibing

    «‹Ein Mann stand auf dem Dach eines 70-stöckigen Hauses.› Erwarten Sie nicht sofort, dass er hinunterspringt, -fällt oder -gestoßen wird? Die Erzählung wird Ihnen gefallen, wenn sie diese Erwartung im Blick behält, aber sie wird Ihnen weniger gefallen, wenn diese Erwartung allzu platt umgesetzt wird. Man könnte eine Erzählung ganz einfach als eine Kette solcher Momente von Erwartung und Auflösung betrachten.» Wie funktionieren gute Geschichten, wie schreibt man sie und was erzählen sie uns über unsere Welt? George Saunders erklärt anhand von sieben klassische Kurzgeschichten der russischen Meister, was die Essenz des Erzählens bedeutet. Zu Anfang des Kapitels ist die jeweilige Geschichte vorgestellt. Sie sind jeweils in voller Länge abgedruckt: Nikolai Gogol: «Die Nase», Leo Tolstoi: «Herr und Knecht», «Aljoscha der Topf», Anton Tschechow: «Auf dem Wagen», «Herzchen», «Stachelbeeren», Iwan Turgenjew: «Die Sänger». Zwanzig Jahre lang hat der Schriftsteller George Saunders mit den Studenten seiner Master Class im Creative-Writing-Programm der Syracuse University nach dem Prinzip seiner Close-reading-Methode gearbeitet. Z.B. teilt er Tschechows Geschichte «Auf dem Wagen» in zwölf Teile und bespricht einen Schritt nach dem anderen. Wie ist diese Geschichte aufgebaut und warum funktioniert sie? «Warum lesen wir einen Text weiter? Weil wir es wollen. Warum wollen wir es? Das ist die Eine-Million-Dollar-Frage: Was hält einen Leser, eine Leserin bei der Stange?» Wie funktioniert Literatur? Mathematik und Physik haben Gesetze, das ist jedem klar, anwendbare Formeln. Aber gibt es verwendbare Merkmale in der Literatur? Warum lesen wir weiter – wie fängt man den Leser ein? «Wenn es eine Erzählung schafft, uns hineinzuziehen und weiterlesen zu lassen, und uns das Gefühl gibt, ernst genommen zu werden, wie macht sie das?» Absatz für Absatz, teils Satz für Satz, fühlen wir uns in die Texte hinein und folgen dem Zeigefinger von Saunders. Er spricht uns Lesende direkt an, fragt und erklärt. Beschreibungen von Örtlichkeiten, von Charakteren; Dialoge, warum funktionieren sie so und nicht anders. Er spricht die Emotionen an, die den Lesenden vorantreiben; und er fragt nach Sympathien, die aufkommen – oder Antipathien. Warum fühlen wir so kollektiv? «Was haben wir gefühlt, und an welcher Stelle des Textes haben wir es gefühlt?», eine Frage, die das Buch durchzieht. Konflikte werden angesprochen – besonders die moralischen, wie die der Geschichte von Tolstois Herr und Knecht. Die direkte lockere Ansprache Saunders ist wohltuend. Erklärend, fragend, nie mit erhobenem Zeigefinger, durchzogen mit Humor. Und weil wir so nett in seinem Seminar sitzen, erhalten wir Studenten ein paar Übungen als Hausaufgabe an die Hand. Ein lesenswertes Sachbuch für Literaturinteressierte. «Ich werde durchgehend Angebote dazu machen, wie wir über Geschichten nachdenken können. Keines davon ist »richtig« oder ausreichend. Sehen Sie sie als rhetorische Versuchsballons.» George Saunders wurde 1958 in Amarillo, Texas, geboren, lebt heute mit seiner Frau und zwei Töchtern in Oneonta, New York, und ist Dozent an der Syracuse University. Er hat mehrere Bände mit Kurzgeschichten veröffentlicht, erhielt u. a. 2013 den PEN/Malamud Award und 2014 den Folio Prize. Das Echo auf seinen ersten Roman »Lincoln im Bardo« war überwältigend: Man Booker Prize 2017, Shortlist für den Golden Man Booker Prize, Premio Gregor von Rezzori 2018, New York Times-Nr.1-Bestseller, SWR-Bestenliste Platz 1 und SPIEGEL-Bestseller.
  • Von: nil_liest

    Beinahe wäre mir dieses gute Buch durch die Lappen gegangen und dann sah ich es doch an vielen Stellen auftauchen, sei es bei Bloggerinnen, bei redaktionellen Literaturkritiker(innen) oder auch einfach nur bei Bekannten. Zum Glück, denn sonst wäre mir ein Lesevergnügen entgangen mit den Abhandlungen des texanischen Literaturprofessors George Saunders „Bei Regen in einem Teich schwimmen“ über seine liebsten russischen Meistergeschichten des 19. Jahrhunderts. Ich habe das Buch in der Tat verkannt und dachte es wäre mehr ein Buch für Schreibende als für Lesende! Aber nein, ein Buch (wie so oft) für alle! Es ist eine Schule des Lebens, nicht nur des Schreibens! Er selbst, Georg Saunders, ist ein begnadetere Kurzgeschichtenschreiber und lehrt seit 1997 an der Uni Syracuse creative writing und dieses Buch ist im Grunde die Essaysammlung aus all den Jahren der Lehre nun als zusammengetragen. Es sind in der Summe 7 russische Erzählungen. Erst liest man die jeweilige Geschichte und dann geht es in die Analyse von Saunders. Aber keine Angst, kein staubtrockener wissenschaftlicher Text. Er nähert sich literarisch. Macht Interpretationsangebote und bindet die Leserschaft in seine Gedankenwelt ein. Er hat viel Gutes aufzuzeigen, wenn er die Konstruktionen auseinander nimmt, aber er scheut auch Kritik an den großen Meistern nicht. Im Grunde steht immer die Frage im Raum: Wie gut funktioniert eine Geschichte? Fazit: Dieses Buch bietet nicht nur unverhofft 7 gute Kurzgeschichten der russischen Meister sondern grandioserweise auch gleich die Interpretationen von Saunders en detail mit. Sprachlich auf allen Seiten ein Genuss!
  • Von: Mario Keipert

    Nein, es ist nicht unzeitgemäß, es ist im Gegenteil der beste Zeitpunkt, die alten "russischen Meister" zu lesen. Denn die Erzählungen von Iwan Turgenjew, Leo Tolstoi, Nikolai Gogol und allen voran Anton Tschechow entstanden nicht nur in einer gewaltigen Zeitenwende (in den Jahrzehnten vor der Oktoberrevolution), sie zeigen vor allem ein aufrichtiges, zumeist ganz unideologisches Interesse an den Widersprüchlichkeiten und Kämpfen des Individuums inmitten einer sich wandelnden, verunsichernden Wirklichkeit. Nun hat George Saunders, seines Zeichens Autor mehrerer hoch gepriesener Erzählbände, sieben Erzählungen dieser Autoren in einem Band versammelt, um an ihnen zu untersuchen, wie gutes Erzählen eigentlich funktioniert: in Bei Regen in einem Teich schwimmen, diesem dicken, lehrreichen, demütigen Band, geht es darum, von den russischen Meistern lesen, schreiben und leben zu lernen. Das ist in höchstem Maße aufregend, anregend, inspirierend – und von hohem Unterhaltungswert. Der beste Weg, die russischen Meister für sich zu entdecken, dürfte gegenwärtig der über Saunders sein. Die in diesem Band versammelten Ausführungen sind praxiserprobt: sie stammen aus einem Kurs für junge Autor*innen, den Saunders seit 20 Jahren an der Syracuse University gibt. Die Auswahl der Erzählungen folgt dabei keinem Kanon, sondern einzig Saunders über die Jahre ans Herz gewachsenen Vorlieben: "Nach all den Jahren kommen mir die Texte vor wie alte Freunde, die ich, jedes Mal, wenn ich den Kurs wieder unterrichte, einer neuen Gruppe brillanter junger Autor:innen vorstellen darf." Schwer zu sagen, was nun unterhaltsamer, beeindruckender ist: die Lektüre der sieben russischen Erzählungen oder die detaillierten Ausführungen von George Saunders. Man mag gebannt Tolstois langer Erzählung Herr und Knecht folgen, in Gogols Die Nase den Boden unter den Füßen verlieren oder ein ums andere Mal der Erzählkunst und Menschenkenntnis von Anton Tschechow erliegen – die Betrachtungen von Saunders nehmen den Texten nicht ihr Geheimnis, sondern schärfen den Blick für die oft so unscheinbar wirkenden Werke. "Wer gerade mit dem Schreiben angefangen hat, wird bei der Lektüre russischer Erzählungen aus dieser Zeit ähnlich empfinden wie ein junger Komponist, der sich mit Bach auseinandersetzt. Alle Grundprinzipien der Form werden sichtbar. Die Werke sind einfach, aber bewegend. Was darin passiert, bedeutet uns etwas. Sie wurden geschrieben, um herauszufordern, zu provozieren, zu empören. Und auf komplexe Weise zu trösten." Saunders interessiert sich en detail dafür, wie diese Texte gemacht sind, wie sie in Dialog mit dem Leser treten, wie sie ihren Sog entwickeln, wie die Figuren lebendig werden, wie Spannung entsteht und was im Kopf des Lesers (und in der Folge möglicherweise in seinem Leben) geschieht. Ein leidenschaftlich Verliebter spricht hier über seine mit den Jahren gewachsene Begeisterung. Die Leistung Saunders und seines deutschen Übersetzers Frank Heibert ist es, dass dieser lebendige, manchmal bewusst schrullige Ton bei der Verschriftlichung der Lectures erhalten geblieben ist. So darf Literaturvermittlung aussehen! Nun lässt sich auf den 500 Seiten allerhand fürs Schreiben lernen: Wie starte ich eine Erzählung? Welche Rolle spielt der erste Satz? Was bedeuten Steigerung, Wiederholung, Struktur? Wie wird eine Figur konkret? Das Handwerk des Schreibens ist zunächst ein sehr genaues, immer wiederholtes Lesen – und die wache, achtsame Reaktion auf das Gelesene. Nicht nur als Schreibende*r ziehst du also jede Menge Gewinn aus diesem Buch; auch für Lesende hält Saunders zahlreiche Erkenntnisse bereit. Doch Saunders ist sich gewiss: Literatur hat die Kraft, Menschen zu verändern. Wir lesen fürs Leben. So wie wir lernen, Geschichten zu lesen, werden wir auch zu "wacheren Lesern der Wirklichkeit". Es entsteht eine Verbindung zwischen Autor*in und Leser*in. Und jedes Mal, wenn wir uns in eine Figur hineinversetzen, trainieren wir unsere Empathie. In Tschechows Erzählung Stachelbeeren schwimmt Iwan Iwanytsch etwas zu lange und etwas zu ausgelassen bei Regen in einem Teich; so ähnlich ist dieses Buch: ein maßloses, lustvolles Erlebnis, ein tiefes Eintauchen in bewegende Erzählungen. Man mag gar nicht wieder rauskommen. Kein Zweifel: es gab nie einen besseren Zeitpunkt als jetzt, die "russischen Meister" zu lesen.
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